trauer.frisst.körper

ist es nicht komisch, dass mein fetter körper so oft für krankheit, schwäche, versagen, maßlosigkeit und antriebslosigkeit steht, aber in zeiten der trauer, der trostlosigkeit, der unsicherheit von anderen zu meinem quasi unbesiegbaren schutzschild gemacht wird?

der starke, widerstandsfähige, über_lebens_wichtige körper. auf einmal.

“so lange du gut isst, mache ich mir keine sorgen. greif gut zu – ich packe dir noch etwas ein”

trauer frisst. frisst, frisst, frisst. frisst sich in deinen körper und hinterlässt spuren. dicke, fette spuren hinter dicken fetten schichten.

“du hast appetit, sehr gut. wenigstens isst du. andere in dieser situation kriegen gar nichts runter, aber du warst ja schon immer stark. du bist stabil.

der robuste, alles abfedernde körper, der hält das schon aus. ja, ja.

ist es nicht komisch, dass mein fetter körper stets als bedrohlich, bekämpfenswert, ungesund und ekelhaft gilt, aber in zeiten der hilflosigkeit, der schmerzen, des verlusts von anderen zu der weichen masse gemacht wird, auf der ich bequem landen kann?

“es wäre schon alarmierend, wenn du auf einmal nichts mehr essen würdest.”

auf einmal darf ich. auf einmal muss ich.

dabei.weiß.ich.zu.gut.trauer.frisst.sich.in.den.körper.

“übergewichtige frauen sind auch schön”

oder: sätze, die ich nie wieder hören möchte. besonders nicht von schlanken menschen.

“übergewichtige”

wenn wir über körper_gewicht sprechen, nutzen viele menschen häufig worte wie “übergewicht”, “untergewicht” oder “normalgewicht”. die vorsilben über- und unter- repräsentieren in dieser aufzählung das abweichende, das vermeintlich abnormale, das in vielen kontexten als “krank” markierte, das zu bekämpfende. das wort über impliziert “zu viel”, das wort unter meint “zu wenig”. aber zu viel von was? zu wenig wofür? wer bestimmt was “zu viel” und “zu wenig” ist? ist es der scheiß BMI, der komplexe lebensrealitäten gar nicht messen kann? oder diese ganzen von gesellschaftlichen botschaften verzerrten blicke auf meinen körper?

“übergewichtig” (genau wie der klinische begriff “adipös”) ist ein begriff, der durch die fat-shamende mainstream-medizin legitimiert wird, ein vermeintliches “zu viel” konstruiert und deshalb in die gesellschaftliche mülltonne gehört. ich wünsche mir, dass widerständige selbstbezeichnungen, die eine empowernde politische dimension haben und nicht absurde bewertungsmaßstäbe reproduzieren, im deutschsprachigen raum stärker diskutiert und mit politischen botschaften gefüllt werden.

unser fett ist und bleibt politisch und wird verdammtnochmal nicht in einen bewertungsmaßstab von “unter” und “über” gequetscht.

“frauen”

(in vielen fällen auch menschen, die fälschlicherweise so gelesen werden.)

“frauen” sind je nach sozialer positionierung von unterschiedlichsten diskriminierungen betroffen und werden häufig nach äußerlichen merkmalen ab- oder aufgewertet, auf jeden fall bewertet. einer dieser maßstäbe ist das gesellschaftliche konstrukt “schönheit”. das streben nach gesellschaftlich anerkannter schönheit bzw. das herantragen von außen, diesem streben möglichst effektiv nachzugehen, betrifft im besonderen maße als mädchen/frauen gelesene menschen – wenn auch je nach sozialer positionierung durchaus unterschiedlich. schönheitsideale und körpernormierungen stellen ein system dar, dem sich kaum eine_r entziehen kann. es strukturiert den alltag. es ist alltag. schön_heit_sein ist positiv konnotiert – aber nur das, was hegemonial unter “schön” verstanden wird. es ist ein begrenztes feld mit regeln, in dem alle auf das gleiche tor zurennen, dieses aber eigentlich nie erreichen können. and that’s exactly the point. es bewirkt, dass wir alle zu schiedsrichter_innen werden, häufig am kritischsten mit uns selbst sind, obwohl wir die regeln nicht erfunden haben.

“frauen” und das gesellschaftlich als “schön” verstandene gehören für viele zusammen wie schokoeis mit streuseln. it’s called sexism.

“… sind auch schön.”

auch schön! aber warte mal… auch schön wie wer oder was? wer oder was ist der maßstab und wieso? warum wird eine konstruierte gruppe wie “übergewichtige” (sic!) gesondert benannt und als “auch schön” markiert? sind dann in der konsequenz alle menschen, die nicht als “übergewichtig” markiert werden, einfach so schön, ganz ohne extra-nennung, ganz selbstverständlich? wer bestimmt, wer auch schön ist? und wer darf sich freuen, auch mal mitgemeint zu sein, großzügigerweise? “auch schön”, you know, trotz! meines! gewichts!

manche sätze wirken so harmlos, sind aber eigentlich nur als komplimente getarnte normbestätigungen. es lohnt sich, eigene sprach_handlungen kritischer zu betrachten. am meisten liebe ich menschen, die das gleich in die praxis umsetzen.

Zeichnung von Nadjeschda Guhld (https://twitter.com/NadjeschdaGuhld)

Zeichnung von Nadjeschda Guhld (https://twitter.com/NadjeschdaGuhld)

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disclaimer: auch dicke_fette menschen sagen manchmal solche sätze und ich verstehe, dass von fat shaming betroffene menschen unterschiedlich mit diskriminierungs-erfahrungen umgehen. auch wenn ich diesen satz als internalisiertes fat shaming einordne, kann ich nachvollziehen, dass dieser ausspruch durchaus als eine form von selbstermächtigung verstanden werden kann. 

… danke steinmädchen für’s durchlesen & anregungen geben!

wanted: fat positive debatten

als ich auf twitter den #waagnis-aufruf und einige dazugehörige tweets las, habe ich eher mit den achseln gezuckt. nicht, weil ich die aktion auf anhieb besonders kacke fand, es interessierte mich einfach nicht so sehr. viele kluge leute haben auf twitter dann viel kritik an der aktion geäußert, da konnte ich noch mal einiges an argumentationen dazulernen (danke dafür!). also las ich die texte zu der aktion dann doch, obwohl sich mein interesse immer noch in grenzen hielt.

heute dann stellte ich mir zum ersten mal die frage, warum mich diese aktion eigentlich nicht interessiert. eigentlich komisch, dachte ich, es gibt ja nicht so viele smash-the-bodyshaming-patriarchy aktionen, eigentlich müsste ich das doch gut finden!

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mein slutwalk berlin 2012

slutwalk berlin, 15. september 2012, gegen 14:30.

meiner schätzung nach befinden sich rund 500 – 600 leute vor dem brandenburger tor. der lauti steht bereit, gleich gehen wir los. es sind angenehm viele awareness-menschen da, die stetig flyer mit den politischen botschaften des slutwalks verteilen. diese sind in einfach verständlichen worten formuliert. teilweise zu einfach. deren analyse überlasse ich allerdings meinem rauchenden kopf, wenn ich meine masterarbeit darüber in ein paar wochen beginne.

es gibt einen safer space für menschen, die nicht fotografiert werden möchten. öfter laufen durchsagen (auf deutsch und englisch), die die presse und die umstehenden bittet, respektvoll mit den protestierenden umzugehen und fotoverbote zu respektieren. gute ideen!

ich bin mit gemischten gefühlen hier. ich teile die meisten der bereits tausendmal formulierten kritiken. die stellungsnahmen von slutwalk berlin dazu finde ich teilweise nicht nachvollziehbar und politisch kaum haltbar. ich lese da auch schlicht überforderung raus.

ich fühle mich dennoch solidarisch mit einem protest, der sich öffentlich gegen vergewaltigungsentschuldigungen und sexualisierte gewalt stellt. also entschied ich hinzugehen.

zwei erlebnisse ließen mich nachdenklich_sprachlos zurück, die ich gerne mit euch teilen möchte.

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brandenburger tor, wir sind noch nicht losgelaufen. eine aktivistin einer bekannten frauenrechtsorganisation hält eine der ersten reden. ihre mitstreiterinnen jubeln. nach beendigung der rede kommt sie vom lauti runter und stellt sich ein paar meter davor hin, um mit ihren kolleginnen zu sprechen. sehr glücklich und überstolz stürmt ihr (so nehme ich zumindest an) boyfriend auf sie zu und knutscht sie ab, umarmt sie, wahrscheinlich voll des lobes.

wenige minuten später laufen wir los, ich bin direkt hinter der aktivistinnen-gruppe und dem noch immer sehr stolzen, glücklichen boyfriend. kaum liefen wir eine minute, verkündet er laut: “so, mädels, ich wünsche euch viel spaß! ich gehe dann nach hause und ruhe mich aus.” alle verabschieden sich herzlich, boyfriend küsst die aktivistin und geht des weges.

das wirft ein paar fragen auf.

wieso ist eine raumeinnehmende heteroperfomance auf einer feministischen demo gegen sexualisierte gewalt kein grund für kritik, diskussion, verwundertes nachfragen?

wieso geht er sich ausruhen, während seine freundin und andere aktivist_innen die nächsten drei bis vier stunden auf einer demonstration gegen sexismus, sexualisierte gewalt und vergewaltigungsmythen laufen. wieso scheint das kein widerspruch für alle an der situation beteiligten zu sein?

wer fühlt sich verantwortlich? wer geht sich ausruhen?

sexualisierte gewalt ist kein “frauenproblem”. 99% aller täter sind cis-männlich.

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ich lausche den reden. vor mir bemerke ich eine frau, die sich ihre arme komplett schwarz angemalt hat. mich wundert das, ich ahne schlimmes. wenige sekunden später dreht sie sich um, und ich erkenne, dass ihr oberkörper und ihr gesicht komplett schwarz angemalt sind. nur ein schlitz um die augen ist freigelassen. das soll wohl eine burka darstellen.

ich bin verwirrt, angewidert, fassungslos. dann sehe ich, dass sie nicht allein ist. insgesamt vier oder fünf frauen haben sich eine burka auf den körper gemalt. sie tragen schilder wie “fight women’s liberation from religious oppression” und “unveil women’s right to unveil”.

sie sind beliebtes fotoobjekt.

sich ein anderes frauenleben auf den körper zu malen und dann für diese frauen sprechen zu wollen, ist in einer bewegung, die unmengen kritik dafür bekommen hat, dass sie als ausgangspunkt ein weißes, westliches, feministisches subjekt nimmt, fast schon paradebeispiel für die ungenügende auseinandersetzung mit eurozentrismus, rassismus und eine unreflektierte aneignung von erfahrungen, die eine selbst nicht macht. die konsequenzen in einer islamfeindlichen und sexistischen gesellschaft sind kaum auszumalen. die burkaverbote im letzten jahr, die verherrende konsequenzen für burkaträgerinnen haben, geben einen ekelhaften vorgeschmack.

ich vermisse bei solchen aktionen konkrete positionierungen der slutwalk-aktivistinnen. wer spricht da? für wen? und warum? was publikumswirksam bleibt, ist die aufgemalte aneignung der lebenserfahrungen von burkatragenden frauen, die auf solch einer demo eigentlich kaum mitbedacht bzw. eingezogen werden. ich weiß nicht, wem das jetzt konkret helfen soll.

i was(n’t) born this way

diesen kommentar wollte ich eigentlich unter den lesenswerten text von @sanczy und @yetzt zu #poly #rzb #monogamie #herrschaft posten >> “Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten“, aber da es in meinem kommentar nur marginal ums eigentliche thema geht (glaub ich), schreib ich es mal in dieses blog hinein.

ich lese

“Kaum ein Mensch (von wirren Evangelikalen abgesehen) käme auf die Idee, dass Hetero- oder Homosexualität selbstbestimmt und willentlich änderbar wäre. Sexualität ist keine Überzeugung sondern individueller Ausdruck von Persönlichkeit.”

und ich bin verwirrt.

ich glaube, dass ihr hier (vielleicht unwissentlich?) bezug auf dominante diskurse in den USA zu homosexualität nehmt (besonders – aber nicht nur – befeuert durch diskursmächtige schwul/lesbische gruppen). es geht um jene diskurse, die argumentationen wie “homosexualität ist nicht selbstbestimmt, nicht änderbar, sondern genetisch bedingt, gottgegeben” stützen. lady gaga fasst es mit “i was born this way ’cause god makes no mistakes” zusammen.

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wer spricht über wen und warum?

im freitag wird in einer aktuellen kolumne mit dem klangvollen titel “darf man fotze sagen?” (klicks, klicks, klicks!) ordentlichst geschwurbelt! sogar judy b. aka judith butler ist am start und wird einmal dufte von der autorin katrin durch den tofu-wolf gedreht.

kurz und knapp (ganz un-butler-esk) geht es um die frage, ob mensch beleidigende und diskriminierende (also: rassistische, sexistische) wörter nun sagen darf oder nicht. generell nerven mich ja solche fragen: warum darf ich das nicht? was darf ich eigentlich noch? ich meine: verbieten kann hier ja sowieso keine_r was. stichwort meinungsfreiheit™, demokratie™ & wir-sind-alle-gleicher™.

was den text erst einmal spannend macht: es geht um diskriminierende wörter und deren benutzung und manchmal sogar aneignung.

katrin geht’s um das wort “fotze”: ihren aussagen nach benutzen “junge Feministinnen” das wort fotze, um “ganz nach der Manier der Selbstaneignung von Worten” sich und andere damit zu betiteln. aha, also ich kenne jetzt nur eine einzige feministin, die das tut, aber hey, in deutschland sind wir es ja gewöhnt, dass feminismus an eine person gebunden ist, warum nicht einfach weiter so tun?

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stop talking and start listening

stop! talk on tolerant people™ (sadly often known as privilege denying people) and what you can do when someone tells you that you are being (hetero- and/or cis-)sexist or racist.

Of course there is a qualitative difference between being an out-in-the-open racist or cis-sexist and being a tolerant person™ who supposedly does not judge or question other people’s personal decisions and self-conceptions and identities, but the effects of privileged behaviour are basically the same. You and I still discriminate and are still assholes, no matter if we define ourselves as explicitly anti-sexist or anti-racist or anti-cis-sexist. If people who are discriminated against tell you that you are behaving like an asshole, then you are. Period. No discussion needed. Denying your discriminatory behaviour does not improve anything. Whining about how evil all these people are against you does not improve anything. Here’s what helps: stop making it all about you. Stop telling other people what they should really be thinking or feeling, and why they’re wrong if they say you’re discriminating against them. Stop being defensive, and, you know, actually, stop talking. Listen. No, really, listen.

zu viel des lobes

ich habe eine kumpeline, die ich sehr verehre.

sie hat ein unendlich großes, robustes herz mit liebe für alle menschen in unserem freund_innenkreis. ihr dreckig-lustiger humor ist erfrischend. ich bewundere ihre stärke, ihren radikalen feminismus, für den ich jahre in der uni brauchte & in ihrem falle einfach der tatsache geschuldet ist, dass ihr herz am richtigen fleck pocht (nämlich links!). wofür ich eine theorie aus den hintersten gehirnwindungen vorkramen muss, hat sie immer den richtigen gesichtsausdruck parat, der verrät:

“dear sexists: so und keinen schritt weiter! verpisst euch von meinem glitzernen ponyhof.”

es gibt nur wenige sachen, die ich an ihr nicht leiden kann. letztens, als wir in erinnerungen schwelgend auf einer party etwas tipsy auf einer matratze kuschelten und in eine diskussion mit einem gemeinsamen kumpel von uns verwickelt wurden, folgte eine dieser situation, in denen ich ihr verhalten nicht verstehen konnte: sie lobte unseren gesprächspartner, weil er literally nicht schreiend wegrannte, obwohl wir ein gespräch full with buzzwords wie ‘gender’, ‘heteronormativität’ oder ‘sexismus’ führten.

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