mein slutwalk berlin 2012

slutwalk berlin, 15. september 2012, gegen 14:30.

meiner schätzung nach befinden sich rund 500 – 600 leute vor dem brandenburger tor. der lauti steht bereit, gleich gehen wir los. es sind angenehm viele awareness-menschen da, die stetig flyer mit den politischen botschaften des slutwalks verteilen. diese sind in einfach verständlichen worten formuliert. teilweise zu einfach. deren analyse überlasse ich allerdings meinem rauchenden kopf, wenn ich meine masterarbeit darüber in ein paar wochen beginne.

es gibt einen safer space für menschen, die nicht fotografiert werden möchten. öfter laufen durchsagen (auf deutsch und englisch), die die presse und die umstehenden bittet, respektvoll mit den protestierenden umzugehen und fotoverbote zu respektieren. gute ideen!

ich bin mit gemischten gefühlen hier. ich teile die meisten der bereits tausendmal formulierten kritiken. die stellungsnahmen von slutwalk berlin dazu finde ich teilweise nicht nachvollziehbar und politisch kaum haltbar. ich lese da auch schlicht überforderung raus.

ich fühle mich dennoch solidarisch mit einem protest, der sich öffentlich gegen vergewaltigungsentschuldigungen und sexualisierte gewalt stellt. also entschied ich hinzugehen.

zwei erlebnisse ließen mich nachdenklich_sprachlos zurück, die ich gerne mit euch teilen möchte.

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brandenburger tor, wir sind noch nicht losgelaufen. eine aktivistin einer bekannten frauenrechtsorganisation hält eine der ersten reden. ihre mitstreiterinnen jubeln. nach beendigung der rede kommt sie vom lauti runter und stellt sich ein paar meter davor hin, um mit ihren kolleginnen zu sprechen. sehr glücklich und überstolz stürmt ihr (so nehme ich zumindest an) boyfriend auf sie zu und knutscht sie ab, umarmt sie, wahrscheinlich voll des lobes.

wenige minuten später laufen wir los, ich bin direkt hinter der aktivistinnen-gruppe und dem noch immer sehr stolzen, glücklichen boyfriend. kaum liefen wir eine minute, verkündet er laut: “so, mädels, ich wünsche euch viel spaß! ich gehe dann nach hause und ruhe mich aus.” alle verabschieden sich herzlich, boyfriend küsst die aktivistin und geht des weges.

das wirft ein paar fragen auf.

wieso ist eine raumeinnehmende heteroperfomance auf einer feministischen demo gegen sexualisierte gewalt kein grund für kritik, diskussion, verwundertes nachfragen?

wieso geht er sich ausruhen, während seine freundin und andere aktivist_innen die nächsten drei bis vier stunden auf einer demonstration gegen sexismus, sexualisierte gewalt und vergewaltigungsmythen laufen. wieso scheint das kein widerspruch für alle an der situation beteiligten zu sein?

wer fühlt sich verantwortlich? wer geht sich ausruhen?

sexualisierte gewalt ist kein “frauenproblem”. 99% aller täter sind cis-männlich.

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ich lausche den reden. vor mir bemerke ich eine frau, die sich ihre arme komplett schwarz angemalt hat. mich wundert das, ich ahne schlimmes. wenige sekunden später dreht sie sich um, und ich erkenne, dass ihr oberkörper und ihr gesicht komplett schwarz angemalt sind. nur ein schlitz um die augen ist freigelassen. das soll wohl eine burka darstellen.

ich bin verwirrt, angewidert, fassungslos. dann sehe ich, dass sie nicht allein ist. insgesamt vier oder fünf frauen haben sich eine burka auf den körper gemalt. sie tragen schilder wie “fight women’s liberation from religious oppression” und “unveil women’s right to unveil”.

sie sind beliebtes fotoobjekt.

sich ein anderes frauenleben auf den körper zu malen und dann für diese frauen sprechen zu wollen, ist in einer bewegung, die unmengen kritik dafür bekommen hat, dass sie als ausgangspunkt ein weißes, westliches, feministisches subjekt nimmt, fast schon paradebeispiel für die ungenügende auseinandersetzung mit eurozentrismus, rassismus und eine unreflektierte aneignung von erfahrungen, die eine selbst nicht macht. die konsequenzen in einer islamfeindlichen und sexistischen gesellschaft sind kaum auszumalen. die burkaverbote im letzten jahr, die verherrende konsequenzen für burkaträgerinnen haben, geben einen ekelhaften vorgeschmack.

ich vermisse bei solchen aktionen konkrete positionierungen der slutwalk-aktivistinnen. wer spricht da? für wen? und warum? was publikumswirksam bleibt, ist die aufgemalte aneignung der lebenserfahrungen von burkatragenden frauen, die auf solch einer demo eigentlich kaum mitbedacht bzw. eingezogen werden. ich weiß nicht, wem das jetzt konkret helfen soll.

dear straight, white, christian men

Dear Straight, White, Christian Men,

It has recently come to my attention that some of you may seem to think that some portion of your identity is under attack, be it by the “lame stream media,” the liberals, the secularists, the gub’ment, or the ghost of Ted Kennedy.

I’m here to assure you that it is, in fact, not.

To paraphrase Jon Stewart, you seem to be confusing “war” with “not getting everything you want all the time.”

(by Sami Lawson, keep reading on lawsonry.com)

wer spricht über wen und warum?

im freitag wird in einer aktuellen kolumne mit dem klangvollen titel “darf man fotze sagen?” (klicks, klicks, klicks!) ordentlichst geschwurbelt! sogar judy b. aka judith butler ist am start und wird einmal dufte von der autorin katrin durch den tofu-wolf gedreht.

kurz und knapp (ganz un-butler-esk) geht es um die frage, ob mensch beleidigende und diskriminierende (also: rassistische, sexistische) wörter nun sagen darf oder nicht. generell nerven mich ja solche fragen: warum darf ich das nicht? was darf ich eigentlich noch? ich meine: verbieten kann hier ja sowieso keine_r was. stichwort meinungsfreiheit™, demokratie™ & wir-sind-alle-gleicher™.

was den text erst einmal spannend macht: es geht um diskriminierende wörter und deren benutzung und manchmal sogar aneignung.

katrin geht’s um das wort “fotze”: ihren aussagen nach benutzen “junge Feministinnen” das wort fotze, um “ganz nach der Manier der Selbstaneignung von Worten” sich und andere damit zu betiteln. aha, also ich kenne jetzt nur eine einzige feministin, die das tut, aber hey, in deutschland sind wir es ja gewöhnt, dass feminismus an eine person gebunden ist, warum nicht einfach weiter so tun?

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rassismus ist kein künstlerisches stilmittel

2012. blackface in d-land, genauer gesagt im schlosspark theater in berlin, wo gerade “ich bin nicht rappaport” aufgeführt wird und ein weißer schau­spieler eine menge schuh­creme ins gesicht geschmiert bekam, um einen Schwarzen zu spielen. in dem stück geht es um – wer hätte das gedacht! – toleranz, selbstredend. rassistischer mist ist ja jetzt nichts neues, aber wenigstens hat es diesmal einen bombastischen shitstorm nach sich gezogen. angefangen mit einem beschwerde­brief, gefolgt von etlichen beschwerdemails, dutzenden an facebook-nachrichten und empörten tweets.

was ist “blackface”? charlotte von afrikawissenschaft erklärbärt

Das sogenannte „Blackface“ ist eine rassistische Unter­haltungs­maskerade. Sie ent­stand im 19. Jahrhundert in den USA im Zusammen­hang mit „Minstrel Shows“. Diese Shows waren be­sonders beliebt bei (weißen) Industrie­arbeitern. Es traten weiße Menschen verkleidet als Schwarze auf und trans­portierten weit­gehend Klischees vom ewig fröh­lichen (natürlich singend und tanzendem) Sklaven.

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