“übergewichtige frauen sind auch schön”

oder: sätze, die ich nie wieder hören möchte. besonders nicht von schlanken menschen.

“übergewichtige”

wenn wir über körper_gewicht sprechen, nutzen viele menschen häufig worte wie “übergewicht”, “untergewicht” oder “normalgewicht”. die vorsilben über- und unter- repräsentieren in dieser aufzählung das abweichende, das vermeintlich abnormale, das in vielen kontexten als “krank” markierte, das zu bekämpfende. das wort über impliziert “zu viel”, das wort unter meint “zu wenig”. aber zu viel von was? zu wenig wofür? wer bestimmt was “zu viel” und “zu wenig” ist? ist es der scheiß BMI, der komplexe lebensrealitäten gar nicht messen kann? oder diese ganzen von gesellschaftlichen botschaften verzerrten blicke auf meinen körper?

“übergewichtig” (genau wie der klinische begriff “adipös”) ist ein begriff, der durch die fat-shamende mainstream-medizin legitimiert wird, ein vermeintliches “zu viel” konstruiert und deshalb in die gesellschaftliche mülltonne gehört. ich wünsche mir, dass widerständige selbstbezeichnungen, die eine empowernde politische dimension haben und nicht absurde bewertungsmaßstäbe reproduzieren, im deutschsprachigen raum stärker diskutiert und mit politischen botschaften gefüllt werden.

unser fett ist und bleibt politisch und wird verdammtnochmal nicht in einen bewertungsmaßstab von “unter” und “über” gequetscht.

“frauen”

(in vielen fällen auch menschen, die fälschlicherweise so gelesen werden.)

“frauen” sind je nach sozialer positionierung von unterschiedlichsten diskriminierungen betroffen und werden häufig nach äußerlichen merkmalen ab- oder aufgewertet, auf jeden fall bewertet. einer dieser maßstäbe ist das gesellschaftliche konstrukt “schönheit”. das streben nach gesellschaftlich anerkannter schönheit bzw. das herantragen von außen, diesem streben möglichst effektiv nachzugehen, betrifft im besonderen maße als mädchen/frauen gelesene menschen – wenn auch je nach sozialer positionierung durchaus unterschiedlich. schönheitsideale und körpernormierungen stellen ein system dar, dem sich kaum eine_r entziehen kann. es strukturiert den alltag. es ist alltag. schön_heit_sein ist positiv konnotiert – aber nur das, was hegemonial unter “schön” verstanden wird. es ist ein begrenztes feld mit regeln, in dem alle auf das gleiche tor zurennen, dieses aber eigentlich nie erreichen können. and that’s exactly the point. es bewirkt, dass wir alle zu schiedsrichter_innen werden, häufig am kritischsten mit uns selbst sind, obwohl wir die regeln nicht erfunden haben.

“frauen” und das gesellschaftlich als “schön” verstandene gehören für viele zusammen wie schokoeis mit streuseln. it’s called sexism.

“… sind auch schön.”

auch schön! aber warte mal… auch schön wie wer oder was? wer oder was ist der maßstab und wieso? warum wird eine konstruierte gruppe wie “übergewichtige” (sic!) gesondert benannt und als “auch schön” markiert? sind dann in der konsequenz alle menschen, die nicht als “übergewichtig” markiert werden, einfach so schön, ganz ohne extra-nennung, ganz selbstverständlich? wer bestimmt, wer auch schön ist? und wer darf sich freuen, auch mal mitgemeint zu sein, großzügigerweise? “auch schön”, you know, trotz! meines! gewichts!

manche sätze wirken so harmlos, sind aber eigentlich nur als komplimente getarnte normbestätigungen. es lohnt sich, eigene sprach_handlungen kritischer zu betrachten. am meisten liebe ich menschen, die das gleich in die praxis umsetzen.

Zeichnung von Nadjeschda Guhld (https://twitter.com/NadjeschdaGuhld)

Zeichnung von Nadjeschda Guhld (https://twitter.com/NadjeschdaGuhld)

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disclaimer: auch dicke_fette menschen sagen manchmal solche sätze und ich verstehe, dass von fat shaming betroffene menschen unterschiedlich mit diskriminierungs-erfahrungen umgehen. auch wenn ich diesen satz als internalisiertes fat shaming einordne, kann ich nachvollziehen, dass dieser ausspruch durchaus als eine form von selbstermächtigung verstanden werden kann. 

… danke steinmädchen für’s durchlesen & anregungen geben!

11 thoughts on ““übergewichtige frauen sind auch schön”

  1. Hi,

    Welchen Begriff anstelle von “Übergewichtig” von nicht-dicken Personen würdest du denn vorschlagen bzw. gerne hören?

    Grüße

  2. ich denke, dass dick und fett begriffe sind, die sich als politische selbstbezeichnungen entwickeln könnten bzw. so auch schon genutzt werden. ich denke allerdings, dass das menschen, die fat shaming abbekommen, für sich selbst entscheiden sollten, wie sie benannt werden.

    was ich als selbstbezeichnung weiterhin schwierig fände, wären pathologisierende begriffe wie “adipös” oder “übergewichtig”.

    ich wünsche mir einfach, dass überhaupt mal eine diskussion losgeht, bei der fragwürdige begriffe wie “übergewichtig” hinterfragt werden.

  3. Danke für die Antwort. Ich glaub’ ich hab meinen Punkt nicht gut rüber gebracht: Aus dem verlinkten Artikel habe ich schon mitgenommen, dass „Fat“, oder im Deutschen dann halt „Fett“ oder „Dick”, Kandidaten für eine Selbstbezeichung wären.

    Aber, wenn ich in meinem jetzigen körperlichen Zustand andere Menschen als „Dick” oder „Fett” bezeichne, wird das sehr wahrscheinlich schwer beleidigend aufgefasst. Daher meine Frage, welche Fremdbezeichnung du dir wünschen würdest?

    »ich wünsche mir einfach, dass überhaupt mal eine diskussion losgeht, bei der fragwürdige begriffe wie “übergewichtig” hinterfragt werden.«

    Das würde mich auch sehr freuen. Das Konzept von „Übergewicht“ lässt sich medizinisch nur schwer halten. Es stellt mich auch immer vor Rätsel, wie sehr solch’ mangelhaften Heuristiken wie dem BMI vertraut wird (Ich halte zur Zeit eine Diät und da ich eher dünn bis schlank erscheine, bekommt es in meinem Umfeld immer häufiger zu Vorwürfen ich wäre magersüchtig. Ich finde es erstaunlich, wie effektiv sich die Diskussion beenden lässt, wenn ich darauf verweise, dass ich laut BMI „übergewichtig”, bzw. mittlerweile gerade noch „normalgewichtig” bin. Sämtliche Menschen bisher, vertrauen dieser Heuristik mehr als ihrer eigenen Selbst- und Realwahrnehmung.).

    Ich stelle mir Empowerment von Dicken ziemlich schwierig vor. Darf ich mal fragen, ob es eine große Szene der Körperakzeptanzbewegung (ich hab das irgendwo mal aufgeschnappt) gibt? Ich bin eher apolitisch und bekomme so etwas nur peripher mit, aber es ist mein Eindruck, dass es eher einzelne Menschen sind, die das Konzept des Dickseins in der jetzigen Form kritisieren und sich selbst positiv mit Dicksein identifizieren.

  4. just google: fat acceptance, fat liberation bewegung, da gibts einiges zu lesen. es gibt auch einige wenige gruppen im deutschsprachigen raum.

    zum benennungsproblem: warum willst du andere leute einfach so benennen? in 99% der fälle spielt das gewicht von menschen doch keine rolle, also musst du das auch nicht mitnennen. du wirst ja wahrscheinlich auch eher selten als “der schlanke kinch” vorgestellt.

  5. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Gefühle offenbaren, Ableismus und Fat Empowerment – die Blogschau

  6. Ich hab mir die gleiche Frage gestellt wie Kinch und stelle sie mir auch nach Lesen Deiner Antworten immer noch. Warum ich andere Menschen benennen will? Konkret häufiger mal, weil es mir begegnet, dass über dicke Menschen (nicht konkrete, anwesende, sondern als abstrakte Gruppe) Behauptungen aufgestellt werden (so von wegen “Übergewichtige sind ja einfach faul!” etc.) und ich diesen Behauptungen widersprechen möchte. Da ist dann aber eben das von Kinch genannte Problem: wenn ich sage “was Ihr über Dicke sagt, stimmt gar nicht!”, wird das aufgrund der weit verbreiteten abwertenden Konnotation des Wortes “dick” (noch mehr bei “fett”) so verstanden, als würde ich diese Abwertung teilen; wenn ich sage “was Ihr über Übergewichtige sagt, …”, treten genau die Probleme auf, die Du in Deinem Artikel eingangs nennst. :/ Hab ich da irgendwo ‘nen Denkfehler? Spontan fällt mir jedenfalls leider keine Lösung ein.
    (Selbstverständlich spreche ich nicht über irgendwen als “das ist die dicke XY” oder “das ist die dünne XY”, logischerweise beziehe ich mich also auch nicht auf solche Kontexte.)

  7. @ keks

    verstehe. na dann sag doch einfach: “ich finde es nicht ok, wie ihr über menschen redet. es gibt keine kausalität von xyz mit dicksein.”

    außerdem steht doch im artikel, dass ich z.B. dick (meist als selbstbezeichnung, aber wenn’s sein muss auch mal so) völlig akzeptabel finde. die frage ist doch immer, wie du über menschen redest, in welchem ton und mit welcher intention.

  8. Danke für die Antwort :) Das klingt einleuchtend.
    Dass Du dick und fett total ok findest, weiß ich ja, mir ging es wirklich eher darum: wie wirkt das, wenn ich ein Wort verwende, das in der breiten Bevölkerung als Beleidigung verwendet wird? Ich denke schon, dass da bei einigen Leuten, die sich mit dem Thema bisher nicht auseinandergesetzt haben, die Reaktion kommt “pfffffft, die lästert ja selber total ab und tut dann gleichzeitig so, als ob sie sich voll für Dicke einsetzt, das kann die dann ja eh nicht ernst meinen”.
    Wahrscheinlich mach ich mir da gerade auch viel zu viele Gedanken drüber ;) Hat mich nur mal interessiert, wie Du das einschätzen würdest. Danke.

  9. Pingback: Mansplaining, Polizeigewalt & Kopftuch « Reality Rags

  10. bei “schön frag ich mich generell immer: für wen* wozu* isses relevant*
    gruß
    =)

  11. Pingback: Der feministische Blick | Identitätskritik

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