wer spricht über wen und warum?

im freitag wird in einer aktuellen kolumne mit dem klangvollen titel “darf man fotze sagen?” (klicks, klicks, klicks!) ordentlichst geschwurbelt! sogar judy b. aka judith butler ist am start und wird einmal dufte von der autorin katrin durch den tofu-wolf gedreht.

kurz und knapp (ganz un-butler-esk) geht es um die frage, ob mensch beleidigende und diskriminierende (also: rassistische, sexistische) wörter nun sagen darf oder nicht. generell nerven mich ja solche fragen: warum darf ich das nicht? was darf ich eigentlich noch? ich meine: verbieten kann hier ja sowieso keine_r was. stichwort meinungsfreiheit™, demokratie™ & wir-sind-alle-gleicher™.

was den text erst einmal spannend macht: es geht um diskriminierende wörter und deren benutzung und manchmal sogar aneignung.

katrin geht’s um das wort “fotze”: ihren aussagen nach benutzen “junge Feministinnen” das wort fotze, um “ganz nach der Manier der Selbstaneignung von Worten” sich und andere damit zu betiteln. aha, also ich kenne jetzt nur eine einzige feministin, die das tut, aber hey, in deutschland sind wir es ja gewöhnt, dass feminismus an eine person gebunden ist, warum nicht einfach weiter so tun?

sie erzählt weiter, warum sie das wort fotze scheiße findet (in ihrer kindheit sagte das ein junge mal zu ihr) und wie sehr sie sich jedes mal verletzt fühlt, wenn sie es von feministinnen (wieder plural?!) als selbstbezeichnung hört. immerhin: es ist ein sexistisches wort und extrem beschissen, wenn jungs, in die du verliebt bist, dir das vor den latz knallen und dich beleidigen wollen.
i understand.

dann wird’s allerdings kurios: mit hilfe von judy b.-zitaten resümiert katrin, dass es wohl oder übel ok sei, diskriminierende wörter zu benutzen. also fotze sagen ist ok. puh. da hat die eine feministin (singular!), die ich kenne und das benutzt, ja noch mal glück gehabt. aber damit nicht genug! das gilt dann aber bitte auch für alle diese anderen fürchterlichen wörter, die ich ja sonst nicht in den mund nehmen darf! n-wort, n-wort, n-wort (dreimal in einem absatz!). endlich raus damit! es soll ja schockieren.

hier würde mich ja mal butlers perspektive auf den lockeren und unbekümmerten umgang einer weißen, deutschen frau mit den n-wort interessieren. so auf die art: du sagst fotze, dann will ich aber auch n-wort sagen dürfen!

wild durcheinander geworfen werden auch andere wörter, die zwar alle völlig unterschiedliche geschichten haben, aber kontextlos als beispiele rangezogen werden: es gibt ja auch religiöse, die sich von dem wort “abtreibung” verletzt fühlen. ach ja: “homo” und “schwul” können auch heterosexistische schmähwörter sein! all diese beispiele sollen zeigen: wörter tun zwar manchen menschen weh, aber müssen trotzdem ausgesprochen werden. ein trigger-potential sei also manchmal erwünscht, so katrin – auch wenn es schmerzhaft sein kann:

Es wird immer etwas geben, das irgendjemanden triggert. Sei es „Fotze“, sei es „Abtreibung“ oder eben „N.“.

problem nur: katrin ist es egal, wer da spricht. und über wen.

für mich macht es allerdings sehr wohl einen unterschied, ob ein frauen- und homofeindlicher konservativer haufen irgendwo in den US of A auf die abstruse, frauen*feindliche idee kommt, das wort “abtreibung” in den medien durch einen piep-ton ersetzen zu lassen oder ob eine von (hetero-)sexismen betroffene person sich selbst schwul, fotze oder fucking queen of homo-land nennt. für mich macht es einen unterschied, ob eine Schwarze frau sich mit dem n-wort betitelt oder ob es von einer weißen, deutschen feministin in einem artikel benutzt wird.

warum? weil wir unterschiedlich von diskriminierung betroffen sind.

das problem mit all diesem schwierigen krams wie (selbst-)bezeichnungen, aneignung & umdeutung ist ja, dass wir nur darüber sprechen können, wenn wir auch machtverhältnisse thematisieren. aneignung von wörtern hat mit empowerment von marginaliserten menschen und/oder gruppen zu tun: die von diesen diskriminierenden wörtern betroffenen menschen entscheiden für sich, wie sie damit umgehen (sofern sie das können und wollen). manche wählen diskriminierende wörter selbstbestimmt als selbstbezeichnung. was nicht heißt, dass mensch sie ungefragt so betiteln darf. aber mit einer selbstbezeichnung können manche menschen für sich ein stück autonomie zurückerobern und fühlen sich vielleicht nicht mehr ganz so machtlos einer verletztenden sprache ausgesetzt.

ich hätte verstanden, wenn katrin einfach gesagt hätte: ich will nicht als fotze bezeichnet werden. weil es weh tut. oder: ich mag es nicht, das wort so unbekümmert zu hören.

dann wären fragen interessant gewesen, wie z.B.: wie gehen wir in feministischen communities mit solchen bezeichnungspraxen um? können wir – auch wenn es sich um selbstbezeichnungen handelt – mehr darauf achten, in welche kanäle wir welche wörter mit welchen wirkungen schießen? das fände ich produktiv.

aber diese fragen werden gar nicht gestellt. lieber wird ohne rekurs auf sprechpositionen (also: wer spricht über wen und warum?) in einem abwasch befunden: anything goes. als gäbe es keine gesellschaftlichen strukturen. getreu dem motto: ich als weiße frau schreibe 3x das n.-wort in meinen text oder halte ein buntes plakat in die höhe, um ein bisschen zu schockieren. fragt sich nur, wer davon geschockt ist.

ich habe das buch von judy b. nicht gelesen, aber das zitat, mit dem katrins text endet, verstehe ich in diesem zusammenhang anders.

„Dass die Sprache ein Trauma in sich trägt, ist kein Grund, ihren Gebrauch zu untersagen. Es gibt keine Möglichkeit, Sprache von ihren traumatischen Ausläufern zu reinigen und keinen anderen Weg, das Trauma durchzuarbeiten, als die Anstrengung zu unternehmen, den Verlauf der Wiederholung zu steuern.“ (Judith Butler: Hass spricht; Frankfurt 2006: S. 66)

sie schreibt davon, den verlauf der wiederholung zu steuern. das heisst meiner lesart nach nicht, dass nun alle menschen auf der straße “fotze” gröhlen sollten (das wäre ja keine veränderung, kein umsteuern, sondern einfach (m)eine gelebte realität nachts auf der straße, wenn mir grölende jungs-gruppen entgegen kommen). den verlauf der wiederholung zu steuern hieße, dass wir sensibler mit sprache umgehen und genauer hinschauen, wer wie davon betroffen ist und wer wie wünscht, so oder so (nicht) genannt zu werden. dann wird’n schuh draus.

6 thoughts on “wer spricht über wen und warum?

  1. Hallo, nur eine kleine Anmerkung, falls die eine Dir bekannte Feministin,die sich des diskutierten Begriffs bedient aus Deinem Bekanntenkreise stammen sollte: Tatsächlich ist diese “Aneignungsdebatte” dieses Begriffs weder neu noch auf D’land beschränkt. (beispielsweise gibt im Anhang der Vagina-Monologe (ich glaub dort wars) auch ein Interview mit einer Frau, die sich dezidiert für den Gebrauch des Begriffes ausspricht, in einem positiven Sinne). Letztenendes verstehe ich nicht so ganz, wieso dem Artikel im freitag so eine große Aufmerksamkeit gewidmet wird, ich finde, es ist offensichtlich, dass die Autorin wenig bis keine Ahnung hat, worüber sie da spricht. Nicht nur,dass sie Butler offensichtlich missversteht, beim Überfliegen des Artikels habe ich auch nirgends entdeckt, dass sie das benutzen des F-Wortes als “sexistisch” oder “frauenfeindlich” empfindet, es steht dort die Begründung, sie würde es an die verletzende Situation von “damals” erinnern, was lediglich als Zurückweisung des angehimmelten Jungen beschrieben wird. Kann sein, sie setzt das voraus, aber mal im ernst: Was geht denn bei der? Und dann noch alle möglichen Begriffe durcheinander zu würfeln, es sei nun egal, wen was oder wie man beleidigt, einer heult ja immer und man muss ja auch mal was unangenehmes sagen dürfen, sonst bleibt ja nix mehr. Bei solchen undifferenzierten Beiträgen sollte doch der einzige Kommentar lauten “Sehr geehrte Frau Soundso, bitte lesen Sie nochmal ein paar Bücher mehr zum Thema, ehe sie nochmal drüber schreiben”. Es ist ja sehr ehrenvoll, sich da zu bemühen, zu erklären, aber ich glaub die Autorin selbst wirds doch nicht verstehen. Somit eventuell eine Verschwendung von Ressourcen. Das wollt ich nur schnell geschrieben haben.Vielleicht ist es auch gut, so eine Debatte zu führen, ich bin da manchmal unschlüssig. Und noch eine letzte Anmerkung: Ich bitte um Verständnis, dass ich das Wort, um das es geht nicht ausschreibe, sondern lediglich “der Begriff, um den es geht” schreibe, bzw das “f-Wort”, mir geht das so schlecht über die Tastatur, möglicherweise aus nachvollziehbaren Gründen. Viele Grüße :)

  2. hi charly,

    danke für deinen kommentar und die fragen, you nailed it!

    ich habe auch einen tag darüber nachgedacht, ob ich darüber schreibe, habe mich dann aber so über diesen text aufgeregt (der ja nicht auf einem einsamen blog veröffentlicht wurde, sondern im leser_innen-intensiven freitag), dass meine wut gewann.

    ich mache mir auch immer gedanken, wann es ok ist eine debatte zu beginnen (oder ob es manchmal besser ist, dinge totzuschweigen), aber mir war’s wohl zu wichtig, meine gedanken zu diesem text mal aufzuschreiben.

    liebe grüße zurück!

  3. dann wären fragen interessant gewesen, wie z.B.: wie gehen wir in feministischen communities mit solchen bezeichnungspraxen um? können wir – auch wenn es sich um selbstbezeichnungen handelt – mehr darauf achten, in welche kanäle wir welche wörter mit welchen wirkungen schießen? das fände ich produktiv.

    Auf jeden Fall! Ich habe z.B. schon in verschiedenen Online-Diskussionen ausgeführt, dass ich die Bezeichnung S-Walk nicht ok finde; leider wurde darauf bisher nicht oder nur abwehrend reagiert. Das S-Wort wird mit dem Namen nämlich allen Teilnehmenden aufgedrückt und entwickelt sich so von der Selbst- zur Fremdbezeichnung.

  4. dazu habe ich folgende perspektive: ich verstehe, dass sich eine nicht schlampe nennen will (mach ich auch nicht) – aber wir können ja auch mal drüber nachdenken, warum eigentlich? weil wir nicht mit “diesen schlampen” assoziiert werden wollen? weil die “dreckig”, “promiskutiv”, nicht “respektabel” sind? das sind m.E. spaltungsmechanismen. oder wie anna-sarah bei der mädchenmannschaft in ihrem artikeö “don’t call me slut just because you meet me @ slut walk” schreibt:

    Wenn es das Äußere ist, das Übergriffe “provoziert”, dann gilt für alle von uns, die jemals dumm und dreist angemacht, sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden oder dies berechtigterweise fürchten: Wir gehören dazu. (…) Wenn diese dort eine Schlampe ist, weil sie in diesem Outfit belästigt wurde, dann bin ich, die sich vielleicht manchmal ähnlich kleidet, genauso gefährdet, dieses Label gegen meinen Willen aufgeklebt zu bekommen. Dagegen gilt es sich solidarisch zu wehren: gegen eine kollektive Stigmatisierung aufgrund fiktiver Ursachenzuschreibungen. Gegen das Ausspielen, ja geradezu Aufhetzen von Frauen gegeneinander, indem sie sich einteilen lassen in unterschiedlich “ehrenvolle” Kategorien; in dem ihnen nahegelegt wird, sich doch bitte zugunsten ihrer vermeintlichen eigenen Integrität beharrlich abzugrenzen von “billigen Flittchen”, Sexarbeiterinnen, ja, von den Schlampen eben – ohne dass sie diese Abgrenzung tatsächlich aus dem Objektstatus befreien würde.

  5. ich hab irgendwie das gefühl, da versucht jemand (katrin) ganz plump den diskurs im englischsprachigen raum über das wort “cunt” ins deutsche zu übertragen. kann man machen. aber bitte nicht so.

  6. @riotmango Die Haltung, die du kritisierst, ist auf jeden Fall verbreitet. Ich hab aber ein Problem damit, wenn sie – wie in meinem Fall – als Strohmann herhalten muss; das hat für mich ziemlich viel von Küchenpsychologie.
    Ich habe kein Problem mit “nicht respektablen” Frauen, sondern mit nicht respektierten. S-Wort bedeutet nicht einfach nur “promiskuitive Frau” o.ä., sondern beinhaltet immer schon den Versuch,  jemanden zu entmenschlichen. Das lässt sich nicht einfach rausstreichen, indem Kritiker_innen pauschal vorgeworfen wird, sie seien ja selbst heimliche Slutshamer_innen und Sexarbeiter_innenfeind_innen. Ich find das daneben.

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